Liebe Hunde beißen nicht – der Trugschluss in der Hundeszene

Die Einstellung der Hundehalter zu ihrem Hund hat sich in den letzten 10 Jahren verändert. Mann oder Frau mit Hund ist nicht mehr „in“, wenn der Hund nicht in der Hundeschule oder dem Hundeverein erzogen und beschäftigt wird. „Sitz“, „Platz“, „Fuß“ ist jedem Kind heute ein Begriff. „Durch“, Drüber“, „Hopp“ und „Wippe“ kennen wiederum die Sportlichen unter den Hundehaltern, die dreimal in der Woche mit Hund durch den Agility-Parcour rasen.
Man redet von Welpenspielgruppen und guter Sozialisierung. Frühe Prägung und das Erlernen von Anweisungen in kurzen Lernsequenzen kennt jeder zweite Hundehalter. „Ich will, dass mein Hund sich mit allen Hunden gut verträgt“, höre ich immer wieder als Argument für ein unproblematisches Zusammenleben mit dem Hund im Alltag. Die Frage ist, muss ein Hund das?
Spätestens wenn die Hunde in die Rudelordnungsphase und in die Frühpubertät kommen, zeigen sich Verhaltensweisen, die manchen Hundehalter erstaunen. „Das hat er ja noch nie gemacht“, ist eine der häufigsten Feststellungen irritierter Hundehalter. Was war passiert? Ein Hund stürzte sich auf einen anderen Hund und eine wilde Prügelei war in Gang gekommen. Merkwürdigerweise ist auf einmal das „alle-Hunde-müssen-lieb-sein-Phänomen schlagartig vorbei. Was nicht heißen soll, dass die meisten Hunde dies nicht bleiben.
Foto: Elke Müller, Europäischer Wolf bedroht Artgenossen
Was ist aber nun mit den Hunden, die ganz böse Erfahrungen gemacht haben? Z.B. mit Artgenossen, die vorzugsweise in ihre vierbeinigen Kollegen hinein beißen. Passiert dies einem Hund gleich mehrere Male, dann entwickelt dieser eine Strategie wie er zukünftig sein Leben verteidigen wird. Das kann zum einen beinhalten, dass der mehrmals geschädigte Hund zukünftig in Panik flüchtet, wenn ein Artgenosse auftaucht. Es kann aber auch dazu führen, dass er den Angriff als die beste Verteidigung betrachtet und dies dann auch gnadenlos durchführt.
Es gibt eine ganze Menge Hundehalter, die einen solchen Hund haben. Sie sind bemüht, mit dem Hund zu trainieren, ihn so zu erziehen, dass man mit ihm problemlos an anderen Hunden vorbeikommt. Ohne dass er an der Leine komplett ausrastet, wenn er sein Feindbild vor sich sieht. Wenn man endlich da angekommen ist, dass dies in den meisten Situationen gut funktioniert, kommt garantiert ein anderer Hundehalter, der seinen Hund frei laufen lässt. Dieser Hundehalter sieht zwar, dass der andere Hund an der Leine ist, aber das interessiert ihn nicht. Auch wenn man mit seinem nicht so einfachen Hund dann abwartend an der Seite stehen bleibt, damit der alles ignorierende Hundehalter mit seinem freilaufenden Hund endlich vorbeigeht, passiert dann genau das, was man im Vorfeld bereits kommen sah.
Der freilaufende Hund bewegt sich stürmisch auf einen zu. Der eigene Hund an der Leine droht bereits in die Richtung des anderen. Was bleibt wäre umdrehen, wegrennen und fluchen. „Nehmen sie bitte ihren Hund zurück“, sagt man höflich. Nichts passiert. Der fremde Hund versucht aufdringlich den eigenen Hund zu beschnuppern. Man selbst steht da, hält seinen Hund an der Leine und mit der anderen Hand gleichzeitig die Schnauze zu, damit er in seiner Angst gebissen zu werden, den fremden Hund nicht beißt. Dieser bekommt die Szene natürlich genau mit und tut was? Er versucht doch tatsächlich auf den eigenen Hund von hinten knurrend aufzureiten. In der Zwangslage den eigenen Hund festhalten zu müssen und mit der anderen Hand den fremden Hund vom eigenen wegzudrücken, bittet man nochmals höflich. „Holen sie ihren Hund weg, meiner beißt gleich!“ „Meiner macht aber nix!“ …
Genau das ist mir heute passiert. Das am häufigsten vorgebrachte Argument konnte mich nun gar nicht überzeugen. Ich schnappte mir meinen stinksauren Hund, meine beiden anderen Hunde, die sich aus der Szene heraushielten, und ging laut fluchend über soviel Dummheit und Ignoranz schleunigst meiner Wege.
Foto: Elke Müller, Europäischer Wolf bedroht Artgenossen





